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Juni 2013

Juni 2013: Gott sieht uns!

„Ob ich sitze oder stehe, du weißt es. Ob ich liege oder gehe, du bist um mich und siehst mich.“ – Nie werde ich den Tag vergessen, an dem eine Freundin diesen Spruch aus Psalm 139,2-3 vorlas (eigentlich bloß als „Tageslosung“ aus dem Kalender) und mir augenblicklich die Tränen ins Gesicht schossen. So schlecht waren die letzten Tage gewesen, Termine absagen etc., eben ganz viel „Liegen“ statt „Gehen“, „Sitzen“ statt „Stehen“. Und in allem die bittere Erkenntnis: Es kriegt mal wieder niemand mit. Selbst meine Mitbewohnerinnen waren so „weit weg“ (aktiv, den ganzen Tag unterwegs), dass sie nicht mitbekamen, wie ich eine Wand weiter mal wieder in mein Einsiedlerleben absteigen musste. Ich fühlte mich wie in einem Loch verschwunden, abseits aller menschlichen Blicke. Und dann dieses Wort, nicht gerade neu, aber so genau in meinen inneren Dialog hineingesprochen, dass es die Seele aufmacht wie ein Büchsenöffner: Dass ich sitze, wo andere stehen; liege, statt irgendwo hinzugehen – Gott sieht es!

Gott sieht, was schon wieder alles nicht geht. Gott sieht, wie wir uns abrackern, um unseren Alltag irgendwie zu bewältigen, um die Spülberge, Wäschehaufen und Spinnweben so weit im Zaum zu halten, dass wir nicht beim Messie-Team landen. Unsere Rechnungen bezahlen, Behörden- und Krankenkassenpost rechtzeitig erledigen und Computer und Fahrrad oder Auto (wenn vorhanden und möglich!) repapieren lassen, wenn sie mal wieder kaputt sind, damit das Leben einigermaßen weiterlaufen kann – Gott sieht es. Klar, andere müssen das auch. Sie haben vielleicht sogar mehr „Stress“ als wir. (Ich muss jedenfalls keine Kinder mit Beruf unter einen Hut bringen und von Termin zu Termin hetzen.) Aber dafür kosten uns diese alltäglichen Dinge Kraft und Durchhaltevermögen, die sich niemand vorstellen kann, der es selbst noch nicht erlebt hat. Plus die vielen anderen Herausforderungen, unsere Symptome in Schach zu halten etc., die diesen Text endgültig zu lang werden ließen.

Oft denke ich, dass überhaupt niemand mein Leben wirklich kennt. Andere Kranke haben zwar eine Vorstellung davon, wovon ich rede, und unterschätzen meine Herausforderungen immerhin nicht (vielleicht überschätzen sie sie sogar, wenn es ihnen selbst schlechter als mir geht), aber auch sie können meinen Alltag und mein Innenleben ja nicht sehen. Aber Gott tut es! Schon Hagar nannte ihn den „Gott, der mich sieht“, als sie von Abrahams Sippe ausriss, weil sie es nicht mehr aushielt, wegen des Kindes in ihrem Leib von Sara so mies behandelt zu werden. Da saß sie nun mutterseelenallein in der Wüste, von niemandem gesehen, vorher nicht als Person gesehen und nun auch noch fern jeder menschlichen Zivilisation. Genau da erlebte sie, wie Gott ihr begegnete und genau in ihre Situation hineinsprach (1. Mose 16), sodass sie sich wieder gesehen fühlte.

So komme ich mir manchmal auch vor, und dann bin ich überrascht, wenn Gott mich wieder anspricht und ich merke: Er sieht mich ja wirklich! Ihm brauche ich nichts zu erklären, vor ihm brauche ich mich nicht zu rechtfertigen. Sein Auge ist wachsam, sein Blick ruht auf mir.

Gott sieht uns. Lassen wir uns von ihm überraschen!

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